The glass artist Claudia von Funcke from Switzerland.
OMMATIDIEN
1993
Stahl, Flaschenscherben (gefused) 300 x 300 x 30cm
Die Arbeit erinnert an ein riesiges Insektenauge aus vielen Einzelfacetten.
Innerhalb der geometrischen, streng gerasteren Form einer übergroßen
Linse lagern 100 Glasblöcke aus teilweise verschmolzenen Flaschenscherben
(Weißwein, Prosecco), die eine gebogene Lichtwand kreieren. Es entwickeln
sich Überlagerungen und Überschnei-dungen unterschiedlicher Dichte
und Transparenz, die das Licht- und Schattenspiel der Umgebung wiedergeben.
Ommatidien versucht die Visualisierung unseres Wahrnehmungssystems,
zeigt den Widerspruch zwischen angestrebter wissenschaftlicher, allumfassender
Objektivität und individueller, subjektiver Wahrnehmung.
Diese individuelle Wahrnehmung bildet Seh-Raster und Seh-Muster, welche
auf Grund gesellschaftlicher, kultureller und persönlicher Hintergründe
eine visuelle Selektion unseres alltäglichen, häufig durch industrielle
Gegenstände vorgerasterten Umfeldes vornehmen. Das Flaschenglas dient
hier als Träger dieser als oft so selbstverständlich hingenommenen
Alltagswelt. Die vielfältige Prismenwirkung der Glasscherben macht
ein exaktes Bild des Hintergrundes unmöglich, entwirft jedoch je nach
Blickwinkel verschie-dene Ein- und Durchsichten.
Ommatidien = Linse = Auge = Container von angesammelten Bruchstücken
unserer Erinnerungen, die zu dem speziellen Prisma führen, mit dem
jeder seine eigene, individuelle und determinierte Realität sieht
und filtert. Die Arbeit verweist auf Ordnung, Chaos und Zufall als
komplementäre strukturbildende Faktoren unseres Sehens, aber auch
die willkürliche Poesie des Alltags. Darüber hinaus bestimmen der
Standort, der Raum, die Architektur, also der äußere Kontext - immer
integrativer Bestandteil meiner Arbeit - , wie, ob und als was etwas
wahrgenommen wird.
"Vision for me is not only what we see, it is a stance taken, an idea,
a geometry, a point of view in both senses of the phrase." Marcel
Duchamps
ALLGEMEIN Das zentrale Thema meiner Arbeit ist das Sehen, wobei das
theoretische Modell Wahrnehmung und das getreue Abbild, die physische
und psychische Verzerrung des Projektionsbildes und die Ambivalenz
und Verführbarkeit des Auges befragt werden. Irritation, Illusion
und Enttäuschung der selben, der Wechsel zwischen Bekanntem, Alltäglichen
und Unbekanntem sind Bestandteil und Methode meiner Arbeit.